Schlagwort: Anarchie

  • Was wäre, wenn…

    Ich denke mal, dass die meisten von uns mitbekommen haben, dass vor ein paar Tagen weite Landstriche Europs für mehrere Minuten keine Elektrizität hatten. Was ich dazu denke hat eigentlich da darph recht gut getroffen: Man soll ja durchaus ein paar Minuten ohne Strom überleben können und so etwas wie eine 100% sichere Versorgung, egal mit was, ist auch utopisch. Institutionen, die wirklich eine unterbrechungsfreie Stromversorgung brauchen, haben ohnehin (hoffentlich) entsprechende Gerätschaften.

    Ich will mich jetzt auch garnicht darüber auslassen, welche Ursachen dieser Stromausfall hatte und wie morde (eventuell) das Stromnetz von E.ON ist. Stattdessen hab ich mir ein paar andere Gedanken gemacht: Als ich neulich durch’s Abendprogramm zappte stolperte ich über das Magazin Monitor die erwähnten, dass es nicht absolut unrealistisch sei, dass ein solcher Stromausfall auch mal ganz Europa betreffen kann und dieser dann nichtnur ein paar Minuten sondern mehrere Tage dauern könne oder sogar Wochen. OK, es ist auch nicht ganz unrealistisch, dass ein Stück Felsen aus dem Weltall 98% des Lebens auf der Erde auslöscht und es ist auch nicht ganz unrealistisch, dass sich Influenzaviren mit dem Vogelgrippevirus vermengen und so ein neues Pandämievirus entsteht. Aber so ein bisschen hab ich mir schon meine Gedanken gemacht:

    Es ist ja nix ungewöhnliches, dass mal für ’n paar Minuten der Strom weg ist, also mach ich mir anfangs keine all zu großen Gedanken. ‚N bisschen Sorge mach ich mir, ob mein Server im Keller die abrupte Stromunterbrechung so ohne weiteres mitgemacht hat. Nach zwei Stunden wird mir aber ’n bisschen langweilig: Zwar hat mein Notebook ’nen Akku, der hält aber auch ned ewig und Internet geht ja schließlich nimma. Also würd ich rüber zum Tom schaun (der Arme) um mit ihm wiedermal ’ne Partie „Age of Empires 3“ zu zocken. Hmm, verdammt, geht ja ned, kein Strom. Naja, dann eben wiedermal ’n Schafkopf. Da Tom hat mir in der Vergangenheit ja genug Geld abgeknöpft, das gilt es nun zurück zu erobern. Und schließlich kann man auch bei Kerzenlicht schafkopfen, denn im Moment ist ja die dunkle Jahreszeit.

    Nachdem ich aber wieder so um die fünf Euro verloren habe, schau ich wieder heim, mal so langsam ins Bett. Also ab unter die Dusche und die Zähne geputzt. Hmm, geht ned: Kein Strom, keine Wasserpumpen, kein fließend Wasser. Na super, und wie bekomm‘ ich nun das Gel aus meinen Haaren? Mit Mineralwasser? Das hat man nun davon, für seine rebellische Frisur. Immerhin wärmen Bettdecken auch ohne Strom. Überhaupt ist das mit dem wärmen ’ne Sache, die bei uns im Haus dank Holzofens ganz ohne Strom geschieht. Also erfrieren werd ich wohl ned.

    Am nächsten morgen also aufstehen und in die Uni fahren? Naja, wohl nicht sehr sinnvoll: Wage zu bezweifeln, dass Vorlesungen stattfinden, wenn ganz Europa ohne Strom dasteht! Oder gibt’s in der Stadt überhaupt Strom? Keine Ahnung! Kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet. Eigentlich weiß ich garnicht, dass sich Europa mehr oder weniger in der Steinzeit befindet und die Lautsprecher zur Beschallung der Bevölkerung in Notzeiten sind schon seit Jahrzehnten abmontiert. Erstmal die Karin anrufen, die kann einem sicher weiterhelfen. Denkste, zwar hat mein Mobilteil noch Akku, das nützt aber nichts, ohne Telefonnetz. Also mit’m Handy probieren. Tja, auch kein Netz, warum wohl. Also bleib ich mal lieber zu Hause. In der Stadt dürfte ’n rechtes Chaos herrschen.

    Nach ein paar Tagen dürften dann so langsam die Getränke ausgehen, also ab zum Supermarkt und neue besorgen. Auch frisches Brot wär mal wieder nicht schlecht. Überhaupt fische Sachen, denn auch der Kühlschrank nützt einem ohne Elektronendifferenzpotentiale herzlich wenig. Aber natürlich haben auch die Supermärkte ohne Strom nicht geöffnet. Ohnehin wurden die längst geplündert. Naja, zur Not gibt’s ja noch Konserven und die Regentonnen sind voll. Müss ma halt ’s Wasser über’m Feuer abkochen. Hat schon irgendwie was aus der Steinzeit, wo alle um’s Lagerfeuer rumsaßen.

    Das mit der Hygiene ist so ’ne Sache: Dusche geht ja nichtmehr. Auch die Waschmaschinen für die Klamotten sind ohne Strom recht teure Blechkisten, selbiges gilt auch für die Geschirrspüler. Nedmal Handabwaschen geht mehr. Und da Winter ist und der Bayerische Wald nicht gerade berühmt für seine heißen Quellen ist scheiden auch die natürlichen Wasservorkommen zum waschen aus.
    Irgendwann gehen dann auch die Kohlenwasserstoffgestützten Lichtquellen (kurz Kerzen) aus, was natürlich saisonbedingt auch nicht gerade zu Freudenstürmen führt.

    So langsam geht’s Benzin aus. War zwischenzeitlich mal in der Stadt, um die Lage dort abzuchecken, hauptsache da Karin geht’s gut, aber ohne Strom läuft auch keine Zapfsäule an der Tanke, egal ob in Österreich oder Passau.

    OK, ein paar wenige gute Seiten hat das ganze Schlamassel dann doch: In der Nacht (die ja in der erwähnten dunklen Jahreszeit traditionell recht lang ist) würde man seit Urzeiten wiedermal die Milchstraße richtig leuchten sehen. Dank permanenter nächtlicher Hintergrundbeleuchtung dürften viele Großstädter wohl schon vergessen haben, dass es da draußen ganz schön viele Wasserstofffusionsreaktoren (kurz Sterne) zu sehen gibt.
    Immerhin hab ich jetzt Zeit, mal was für die Uni zu tun denn trotz Informatikstudium hab ich die meisten Unterlagen ausgedruckt da. Aber macht das überhaupt Sinn? So langsam kommen mir nämlich existenzielle Sorgen. Ein Informatiker ohne Strom ist so sinnlos wie der Blinddarm. Professioneller Mammutjäger ist wohl auch nicht das richtige, schließlich sich diese Tierchen mittlerweile ausgestorben.

    Glücklicherweise hieß es ja, dass das ganze nur ein vorübergehender, wenn auch langer Zustand sein könnte, der Strom dann also doch irgendwann wieder durch die Kupferleitungen unserer Straße fließt. Aber irgendwie ist der Gedanke an so einen Blackout, irgendwie, ich weiß nicht, komisch, auch wenn das ganze wohl recht abenteuerlich wäre.